Mit dem geplanten Betriebsgebiet Neuwiesen (derzeitiger Projektname) zwischen Lauterach und Wolfurt entsteht die Chance, ein großes neues Gewerbegebiet von Beginn an zukunftsfähig zu planen. Ein wesentlicher Baustein dabei ist die Frage, wie die dort angesiedelten Betriebe künftig mit Wärme und Kälte versorgt werden.
Wir möchten deshalb frühzeitig eine Idee in die weitere Planung einbringen: Für Neuwiesen soll geprüft werden, ob ein sogenanntes Anergienetz – auch „kalte Nahwärme“ genannt – eine geeignete Lösung für die gemeinsame Wärme- und Kälteversorgung sein könnte.
Was ist ein Anergienetz?
Klassische Nahwärmenetze transportieren heißes Wasser von einer zentralen Wärmequelle zu den angeschlossenen Gebäuden. Ein Anergienetz funktioniert anders: In den Leitungen zirkuliert Wasser auf einem wesentlich niedrigeren Temperaturniveau. Wärmepumpen in den einzelnen Gebäuden bringen die vorhandene Energie auf das jeweils benötigte Temperaturniveau.
Der große Vorteil: Ein solches Netz kann nicht nur Wärme bereitstellen, sondern auch zur Kühlung genutzt werden. Gleichzeitig lassen sich unterschiedliche Energiequellen einbinden – etwa Umweltwärme aus dem Erdreich oder nutzbare Abwärme.
Holz ist keine unbegrenzt verfügbare Ressource. Das Energieinstitut Vorarlberg weist darauf hin, dass die nachhaltig verfügbaren Biomassepotenziale im Land durch bestehende und bereits geplante Anlagen weitgehend ausgeschöpft sind. Gerade bei einem völlig neu entstehenden Betriebsgebiet lohnt es sich deshalb, auch andere Formen der Wärmeversorgung frühzeitig zu untersuchen.
Ein Anergienetz könnte dabei lokale Energiequellen wie Umweltwärme und ungenutzte Abwärme erschließen. Gerade in einem Betriebsgebiet ist das interessant: Während ein Unternehmen Wärme benötigt, muss ein anderes vielleicht Produktionsanlagen, Server- oder Kühlräume kühlen und gibt dabei Wärme ab. Über ein gemeinsames Netz können solche Energieflüsse miteinander verbunden werden.
Eine Chance, die früh geprüft werden sollte
Neuwiesen bietet dabei einen entscheidenden Vorteil: Das Gebiet entsteht von Grund auf neu.
Bei bestehenden Gewerbegebieten müssen Leitungen nachträglich verlegt und vorhandene Strukturen berücksichtigt werden. Bei einem neuen Betriebsgebiet besteht dagegen die Möglichkeit, die Energieversorgung von Anfang an nachhaltig mitzudenken.
Zunächst sollte untersucht werden, welche Wärme- und Kältebedarfe entstehen könnten, welche Abwärme- und Umweltenergiequellen zur Verfügung stehen und welche Infrastruktur dafür notwendig wäre.
Auch bei der Ansiedlung der Betriebe könnte berücksichtigt werden, ob sich deren Energiebedürfnisse sinnvoll ergänzen. Ein Betrieb mit hohem Kühlbedarf und entsprechend viel Abwärme könnte beispielsweise gut zu Betrieben passen, die einen kontinuierlichen Wärmebedarf haben.
Damit könnte die Energieplanung künftig auch bei der Entwicklung des Branchenmixes des Betriebsgebiets eine Rolle spielen.
Erfahrungen aus bestehenden Projekten nutzen
Anergienetze sind keine rein theoretische Technologie. Vergleichbare Systeme werden bereits in Wohnquartieren sowie in Gewerbe- und Industriegebieten eingesetzt.
Wir möchten deshalb Erfahrungen aus bestehenden Projekten einholen und gemeinsam mit Fachleuten klären, welche Voraussetzungen für Neuwiesen notwendig wären und welche Planer über entsprechendes Know-how verfügen. Auch das Energieinstitut Vorarlberg ist dafür ein naheliegender Ansprechpartner.
Es geht dabei auch darum, von anderen Projekten zu lernen: Was funktioniert gut? Welche Fehler lassen sich vermeiden? Und welche Voraussetzungen müssen bereits bei der Entwicklung eines Betriebsgebiets geschaffen werden?
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt
Für die weitere Entwicklung von Neuwiesen planen die Gemeinden Lauterach und Wolfurt nun, einen Masterplan ausarbeiten zu lassen. Das ist der richtige Zeitpunkt, um auch die zukünftige Wärme- und Kälteversorgung in die Überlegungen einzubeziehen und zu klären, welche Voraussetzungen dafür bereits heute berücksichtigt werden sollten.
Auch der Räumliche Entwicklungsplan der Gemeinde sieht für Neuwiesen vor, Fragen der Energieeffizienz, erneuerbarer Energien sowie Möglichkeiten der Abwärme- und Nahwärmenutzung im Zuge der Gesamtkonzeption zu prüfen.
Unser Anliegen knüpft daher an diese Zielsetzung an und entwickelt sie weiter: Wärme soll nicht nur erzeugt und verteilt werden. Wärme, Kälte und vorhandene Energiepotenziale sollen vielmehr über ein Anergienetz zu einem gemeinsamen, aufeinander abgestimmten Energiesystem verbunden werden.
Offen prüfen statt Möglichkeiten verbauen
Bei einem Betriebsgebiet, das für Jahrzehnte entwickelt wird, sollten wir heute keine Möglichkeiten verbauen, die morgen für eine effiziente und nachhaltige Energieversorgung wertvoll sein könnten.
Wir werden das Thema deshalb in die weitere politische Diskussion einbringen, bestehende Projekte und Erfahrungen recherchieren und den Austausch mit Fachleuten suchen.
Neuwiesen bietet die seltene Möglichkeit, nicht nur neue Betriebsflächen zu schaffen, sondern von Beginn an mitzudenken, wie ein modernes Betriebsgebiet energetisch funktionieren kann.
Diese Chance sollten wir nutzen.
